Die Arbeit „Grenzen der Empathie“ setzt sich mit dem Selbstmord des gambischen Flüchtlings „Pateh Sabally“ auseinander, der 2015 auf dem Seeweg nach Italien kam und die folgenden 2 Jahre in Mailand lebte. Im Januar 2017 und mit dem Auslaufen seiner Aufenthaltsgenehmigung, fuhr er mit dem Zug nach Venedig, verließ den Bahnhof und stürzte sich in den Canal Grande, wo er schließlich ertrank. Von dem Selbstmord gibt es ein Video, dass den Ertrinkenden zeigt. Die Fotoserie beschäftigt sich dabei mit der Frage nach der fotografischen Abbildbarkeit anderer Lebenswirklichkeiten und hinterfragt die Berechtigung mit der sich Fotografen und Künstler ein Thema aneignen, dass außerhalb jedes persönlichen Einflussgebietes liegt.

Ausgangspunkt der Arbeit war der Gedanke den Weg Saballys vom Bahnhof zum Canal Grand mit dem Weg des Fotografen vom Heimatort über das Hotel zum Canal zu vergleichen und so die Unvereinbarkeit der beiden Realitäten aufzuzeigen. Erst im Nachgang und bei der Durchsicht der Bilder wurde klar, wie naiv auch dieser Gedanke gewesen war und wie wenig mehr die entstandenen Bilder zeigten als den Beweis der eigenen Anwesenheit. Die Suche nach einer Idee, die Ausarbeitung und ständige Hinterfragung, die in dem sich wiederholenden Verwerfen des Entwurfs endet, wurden schließlich zu einem zentralen Element der aus mehreren Teilen bestehenden Serie.

Den ersten Teil bilden die entstandenen und verworfenen Bilder, die in der Ausstellung auch in physischer Form präsent sind und zerknüllt und zerissen auf dem Boden liegen. Direkt an der Wand angebracht finden sich 9 Bilder, die den Selbstmord Saballys sowie den Weg des Fotografen in assoziativer Form thematisieren. Zwar fanden diese den Weg an die Wand, doch sind auch sie nur Versuche einer Annäherung, denn im Verlauf der Beschäftigung wurde die Frage immer drängender, in wie weit man einem ganz konkreten, einem realen Tod mit assoziativen Ausflüchten begegnen kann. Die 3. Serie schließlich zeigt neun Ansichten einer Häuserfassade aus unterschiedlichen Blickrichtungen. In verschiedenen Artikeln, die über den Selbstmord berichteten, wurde beschrieben, dass Sabally von der nahe gelegenen Scalzi Brücke in den Canal Grande sprang und ertrank. Tatsächlich ist in dem Video des Selbstmords eine rote Häuserfront zu erkennen, die sich mehrere hundert Meter von der Scalzi-Brücke entfernt befindet. Es scheint daher ausgeschlossen, dass Sabally tatsächlich von der Scalzi-Brücke sprang. Die rote Fassade wurde somit zum Fixpunkt einer Spurensuche und kann als Symbol sich verdichtender Ungewissheiten verstanden werden. Ein neben diesem Tableau präsentiertes Bild zeigt ein Standbild aus dem Video des ertrinkenden Sabally. Nur Umrisse und verschwommene Farbpigmente sind erkennbar, nachdem der C-Print eine Woche im Wasser gelegen hat und schleißlich vor dem endgültigen Auflösen entnommen wurde. Das Bild, das schon wegen der geringen Auflösung des Videos kaum kenntlich war und dessen chemische Ursprünge und Bestandteile durch die Behandlung im Wasser deutlich hervortreten, wirft Fragen nach den (unterschiedliche gelagerten) Grenzen des Fotografierbaren auf.

Ausstellungsansichten

Auch im zur Ausstellung gehörigen Buch, wird die Infragestellung der dokumentarischen Fähigkeiten der Fotografie behandelt: Beim ersten Durchblättern zeigen sich nur weiße Seiten. Erst hinter diesen Leerstellen werden die unterschiedlichen Ansätze und die dazugehörigen Gedanken offengelegt.

Grenzen-der-Empathie-Ansicht Buch